Dorfgemeinschaftshaus Finowfurt
Die Geschichte von "Müllers Ruh"
aufgeschrieben von Ortschronist Ralf Mikeska
Der Bau der ersten Schöpfurther Mühle erfolgte im Jahre 1608 auf Weisung des brandenburgischen Kurfürsten Joachim Friedrich, im Zusammenhang mit der Anlage des 1. Finowkanals. Es handelte sich um eine Wassermühle, deren Mühlrad mit der Wasserkraft der alten Finow angetrieben wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite, am Steinfurther Ufer der Finow, ließ sich der Kurfürst ein Jahr zuvor das sogenannte „Schlossberghaus“ errichten, um vor Ort die Bauarbeiten am Finowkanal inspizieren zu können. Die Residenz lag nur unweit eines Übergangs der Handelsstraße durch den Wasserlauf, der Finow-Furt, die bereits zur Zeit der Askanier geschützt wurde.
Kartenauschnitt vom Finowkanal zwischen
Schöpfurth und Heegermühle, 1620
_________________________________________
Nach der vollständigen Zerstörung der Mühle im 30jährigen Krieg erfolgte der Wiederaufbau zum Ende des 17.Jahrhunderts und es begann eine stetige Entwicklung. Zahlreiche Mühlenmeister übernahmen im Laufe der Jahre die in Erbpacht ausgegebene Mühlenanlage und ergänzten die Getreidemühle noch mit einem Sägewerk.
So gelangte in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Mühle in den Besitz des Fabrikanten Paul Benda, der die Anlage in zwei Generationen zu den bedeutenden „Schöpfurther & Steinfurther Mühlenwerken“ ausbauen ließ.
Zudem entstanden um 1890 zahlreiche Gebäude, die das Mühlenareal komplettierten. Hierzu gehörten u.a. die umfangreichen Getreide- und Mehlspeicher, die Villa des Mühlenbesitzers und „Müller´s Ruh“, als Unterkunft der Müllergesellen und Verwaltungssitz.
Dorfansicht Schöpfurth/Steinfurth um 1767-1787
(Auszug aus der Schmettauischen Karte, Bereich
Liebenwalde Nr. 51 und Bereich Bernau Nr. 64, 1776)
Müller´s Ruh um 1912, (Postkartenansicht)
Schöpfurther & Steinfurter Mühlenwerke um 1925
(R. Schmidt, Oberbarnimer Kreiskalender)
______________________________________________________
Am 26. März 1930 vernichtete ein Großfeuer zahlreiche Gebäude und Einrichtungen der alten Mühlenwerke. Lediglich der neue Speicher aus dem Jahre 1913/14, die Villa des Mühlenbesitzers und Müller´s Ruh blieben vollständig erhalten.
Mit der Übernahme durch die Schlesischen Mühlenwerke AG, unter Leitung des Direktors Karl Hallier, erfolgt kurze Zeit darauf der Wiederaufbau der Schöpfurther Mühle mit Einbau modernster Technik.
Müller´s Ruh, als ortsbildprägender Fachwerkbau auf dem Schöpfurther Anger, diente fortan als Verwaltungssitz der Gemeinde Finowfurt, in dessen Räumlichkeiten auch das hiesige Standesamt, die Gemeindekasse und die Ortspolizeibehörde untergebracht waren.
Für den damaligen Bürgermeister Wilhelm Brandhorst wurde im Jahre 1938 das Gebäude für den Anbau eines Dienstzimmers erweitert und somit im gleichen Baustil um 7 Meter in Richtung Schöpfurther Kirche verlängert.
Müller´s Ruh als Sitz der Gemeindeverwaltung
Finowfurt in der 1930er Jahren (Postkartenansicht)
_______________________________________________
Nach der Enteignung der Schöpfurther Mühle im Jahre 1945 und mit der Gründung der DDR ging der Betrieb in konsumgenossenschaftliche Verwaltung über und arbeitete bis 1990, zuletzt (seit 1977) als Betriebsteil des Konsum-Backwarenkombinates Frankfurt/Oder.
Müller´s Ruh blieb Verwaltungssitz für den „Rat der Gemeinde“ in Finowfurt und beherbergte neben dem Bürgermeister eine Zweigstelle der Kreissparkasse, sowie den Abschnittsbevollmächtigten (ABV) als Vertreter der Volkspolizei in seinem Dienstzimmer unterm Dach.
Rat der Gemeinde Finowfurt um 1959
(Postkartenansicht)
______________________________________________________
Mit der politischen Wende 1989 erfolgte nach und nach die Umnutzung der ehemaligen Mühlengebäude. In die Mühlen-Villa, die jahrelang als Arztpraxis und Kinderkrippe diente, zog 1992, mit der Gründung des Amtes Barnim Nord, zunächst das Haupt- und dann das Bauamt in die Räumlichkeiten ein.
In Müller´s Ruh waren zu jener Zeit nur noch die Diensträume des Amts-direktors und die Kämmerei eingerichtet. Im Jahre 1999 erfolgten dann Sanierungsarbeiten am Dach und an den Fenstern und auch das Fachwerk wurde nach altem Vorbild im ursprünglichen Farbton neu gestrichen. Der Eingangs-bereich mit Tür und Treppe wurden erneuert und der gesamte Vorplatz neugestaltet.
Nach der Bildung der neuen Großgemeinde Schorfheide im Jahre 2003, erfolgte die Sanierung des Mühlen-Hauptgebäudes und der Ausbau zum neuen Verwaltungssitz. Mit dem Umzug der gesamten Gemeindeverwaltung im Jahre 2005 an den Erzbergerplatz stand die Mühlen-Villa zum Verkauf und auch Müller´s Ruh fand eine neue Bestimmung. Im unteren Bereich des Gebäudes mietete sich ein Rechtsanwalt ein, dem später die Gemeindebibliothek folgte.
Im oberen Bereich des Hauses war das Büro des Ortsvorstehers zu finden und waren Räumlichkeiten für die Schiedsstelle, den Revierpolizisten und das Archiv des Ortschronisten eingerichtet worden.
Mit Beginn der Umbauarbeiten zum Dorfgemeinschaftshaus im November 2019 wurde das Gebäude Müller´s Ruh geräumt.
Rat der Gemeinde Finowfurt um 1988
(Foto: Gem. Finowfurt)
Verwaltungssitz des Amtes Barnim Nord um 2000
(Foto: Amtsverw. Barnim Nord)
Gemeindehaus zu Beginn der Umbauarbeiten 2020
(Foto: R. Mikeska)